Titelverteidigung schwer gemacht


Einen Titel zu verteidigen ist schwer – gleich drei Titel en suite zu holen scheint eine jener «Mission Impossible» zu sein, die zum Vorneherein zum Scheitern verurteilt ist. Seriensieger im Eishockey sind nicht zeitgemäss. Letztmals drei Titel in Folge in einem Land, das eishockeytechnisch Ernst zu nehmen ist, glückte den Eisbären aus Berlin 2011 bis 2013. Die Konkurrenz im eigenen Land ist gross, die Saisons lang und die Playoffs zuweilen hinterhältig, fies aber auch unberechenbar. Die vor der Saison bemühte Redewengung «es ist alles möglich» ist im Eishockey keine leere Floskel. Sie ist Fakt. In der NHL, KHL, Schweden, Finnland, Tschechien, Schweiz und Deutschland gibt es mehrere Meisterkandidaten – und gefährliche Aussenseiter die von Spielverderbern zu Pokalstemmern mutieren könnten. Alles offen also. Und doch überrascht folgendes: In der NHL, Finnland, Schweiz und Deutschland ist ein Triple-Meister im Frühjahr 2018 möglich.

In der NHL gewannen zuletzt die Pittsburgh Penguins zweimal in Folge. Dem letzten Verein, dem es gelang, dreimal in Folge den Stanley Cup zu holen waren die New York Islanders, die zwischen 1980 und 1983 gleich viermal in Serie triumphierten.

In Finnland ist Tappara Tampere derzeit die dominierende Kraft. Erst dreimal in Folge im Playoff-Final gescheitert, krallten sich die Südfinnen zuletzt zweimal den Titel. Drei Meisterschaften in Folge schaffte zuletzt TPS Turku von 1999 bis 2001.

In Deutschland ist Red Bull München das Mass aller Dinge. Dass die Eishockey-Bayern den Fussball-Bayern mal den Rang ablaufen werden, ist nicht zu erwarten. Doch der dritte Meistertitel in Folge ist in dieser europäischen Liga am ehesten möglich. Die Eisbären aus der Hauptstadt haben es schliesslich vor nicht allzu langer Zeit vorgemacht.

Apropos Hauptstadt. Der SC Bern hat vom Kader, vom Umfeld und vom Nervenkostüm her beste Aussichten, erstmals in der Vereinsgeschichte drei Titel aneinander zu reihen. Viele trauen es den Mutzen zu – und sie sich selbst natürlich auch. Doch Serienmeister in der Schweiz sind zur Unmöglichkeit geworden. Zu ausgeglichen ist die Liga, respektive die Spitze. Der EHC Kloten war es, der 1995 einen dritten Titel in Serie feiern durfte und ein Jahr später noch einen draufsetzte. Seither wechselt der Meister jedes Jahr munter ab, mit Ausnahme der ZSC Lions 2001 und des SC Bern 2017.


Kann Bern nochmals Meister werden? Ja! Nein! Vielleicht? Eher doch Nein. Aber warum eigentlich nicht? Also doch, Ja! Aber… Nein! Spürt ihr meinen Konflikt? Ich schwanke zwischen Zuversicht und Unglauben.


Unglauben: Der Nachfolger von Kloten zu werden kann aus sport-logischen Gründen ausgeschlossen werden. Denn der Serienmeister profitiere in dieser Zeit (1993-1996) von einigen Faktoren: Bei Grande Lugano hatte die Talfahrt bereits begonnen, die Baumeister des Erfolgs waren zu alt oder schon weg. Der SC Bern war nach drei Titel in vier Jahren gesättigt, überheblich auf dem Eis, im Umfeld arrogant geworden und hat dazu noch bei Trainern und ausländischen Verstärkungsspielern ein schlechtes Händchen gehabt. Und Fribourg-Gottéron war und ist halt Fribourg-Gottéron. Wenn es hart auf hart geht – gewinnen die andern. Somit hatte Kloten leichtes Spiel, da die meisterlichen Aufbauarbeiten in Davos, Zug und Zürich erst begonnen hatten. Es gab schlicht zu wenig Konkurrenz auf Augenhöhe. Diese hat heute der SC Bern. Auch nach zweimaligen Viertelfinal-Out sind die ZSC Lions ein heisser Anwärter auf den Titel. Und jene Teams, die zuletzt im Final an Bern scheiterten (Lugano und Zug), haben mittlerweile das Potenzial, drei Playoffserien in Folge für sich zu entscheiden. Und beim HCD hat man den Nachwuchs nun zwei Jahre lang ans meisterliche Niveau herangeführt, die junge Garde ist bereit für den nächsten Schritt. Vier Teams jagen also den Meister. Fünf Meisterkandidaten. Oder sind es mehr? Was passiert, wenn in Lausanne Euphorie nach der Halbfinal-Qualifikation ausbricht? Kann Servette-Genève ohne Altlast McSorley besser, befreiter, erfolgreicher aufspielen und die Deutschschweizer in die Schranken weisen? Oder ist gar die Kombination aus kanadischem Bollwerk im Tor und tschechisch-schweizerischen Tanzmäusen in der Offensive das langersehnte Erfolgsrezept für Fribourg-Gottéron? Der neutrale Eishockey-Beobachter sieht bloss vier Teams, denen man den Titel auch beim allerallerallerallerallerbesten Willen nicht zutraut: Ambri-Piotta, Biel, Kloten und Langnau. Sieben Konkurrenten hat also Bern. Und elf Teams, die während der Quali-Phase 10 % mehr Engagement als in anderen Meisterschaftsspielen an den Tag legen werden, weil sie dem Meister eine Niederlage zufügen möchten. Wie soll man da mit gutem Gewissen dem SCB die klare Meisterrolle zusprechen?

Den Mutzen steht wegen Verletzungen ausserdem ein unruhiger Meisterschaftsstart bevor. Eine solala-Quali könnte selbst jenes Selbstvertrauen aufzehren, dass man sich ab den Playoffs 2016 erarbeitet hat. Und: wer sagt, dass den Berner der bestmögliche Kader ab März 2018 zur Verfügung steht? Zuletzt hatte man zweimal in Folge Glück, dass die besten der besten nicht nur auf dem Eis standen, sondern ihre Bestform in den Playoffs abrufen konnten. Eine andere bange Frage: Kann der bestmögliche Kader die Abgänge von den Routiniers Plüss und Jobin auf dem Eis und Reichert in der Kabine überhaupt kompensieren? Diesbezüglich tippt der Pessimist in mir auf ein Zwischenjahr. Oder vielleicht auch zwei. Spätestens 2020 heisst der Schweizer Meister SC Bern. 2018 ist zu 80 % ein anderes Team an der Reihe, 2019 zu 50 %.


Zuversicht: Nach so viel Contra gilt es aber dennoch, optimistisch zu sein. Ja, Bern ist fähig, 2018 Meister zu werden. Ja, der Kader ist stark. Goalie und Trainer sind top. Die Schweizer Spieler gehören zumindest zu den besten. Und von den Namen und Erfolgen her dürften die Ausländer auch kein wesentlicher Schwachpunkt des Teams sein. Eigentlich ist alles bereit für die nächste Meisterfeier in Berns Gassen, selbst wenn der SCB nicht mehr so stark ist wie letztes Jahr ist und eine Meisterschaft dominieren kann. Der grössere Hunger spricht zwar für die Konkurrenz. Doch der Umgang mit Druck spricht für den Meister. Bern weiss, was Druck ist, wie man damit umgeht und Erfolg hat. Die ZSC Lions stehen unter grossem Druck, die letzten zwei Saisons vergessen zu machen. Der EV Zug hat Druck, aus einem Playoff-Final-Verlierer, einen Playoff-Final-Sieger zu machen. Der HC Lugano verspürt den Druck, endlich wieder Grande zu sein. Druck, Druck, Druck. Vorteil Bern. Wenn es hart auf hart geht, gibt es nur eine Mannschaft, die den Mutzen diesbezüglich gefährden kann: Der HC Davos. Trainer Arno del Curto versteht es meisterlich, Druck von aussen abzuschirmen, danach seinen Spielern den Druck zu nehmen, um dann mit positivem Druck die bestmögliche Leistung heraus zu kitzeln. Der Optimist in mir ist überzeugt: Der SC Bern hat nur zwei Gegner: Davos und sich selber.


Das Fazit der Saisonvorschau:

Spitzenteams der Quali: ZSC Lions und Zug.

Zwischen Rang drei und acht ist alles möglich. Favoriten auf das erste Heimspiel in den Viertelfinals sind Lugano und Bern. Die Playoffs, eventuell der Sprung in die ersten vier, schaffen Davos, Lausanne, Genève-Servette und Fribourg-Gottéron.

Ambri-Piotta und die SCL Tigers sind zu schwach für die Playoffs, eine Überraschung traue ich am ehesten dem EHC Biel zu, gefolgt vom EHC Kloten.


Playoffs Pessimist: Im Halbfinal ist dieses Mal Endstation für den SCB. Man scheitert an einem extrem hungrigen Team, das im Final weniger Mühe bekunden wird und die Serie deutlicher für sich entscheidet, als jene gegen Bern im Halbfinal.

Playoffs Optimist: SC Bern und HC Davos mit dem besten Nervenkostüm und eine mögliche Finalpaarung, oder das Duell der Giganten im Viertel/Halbfinal. Zug der heisseste Kandidat von den Mitfavoriten, eine Spur stilsicherer als der ZSC und Lugano im Playoffmodus.