SC Bern - EV Zug: 4:1 oder 1:4?


Es herrscht grosses Rätselraten vor dem 1. Playoff-Final-Spiel. Viele Experten habe ihre Meinung gebildet. Und doch... zwischen den Zeilen ist immer das Wort "aber" deutlich lesbar. Warum? Das liegt daran, dass die beiden Finalisten mit unterschiedlichen Waffen das Endspiel erreicht haben aber in Vergangenheit auch schon bewiesen haben, dass sie mit den gegnerischen Waffen umzugehen wissen. Was heisst: Jeder Ausgang ist möglich. Also eine enge Serie? Nein! 1 Team wird die Nerven verlieren. 1 Team wird mit dem gegnerischen Spiel nicht zurechtkommen. 1 Team wird deshalb fast immer den 1 Tick besser oder glücklicher sein. Es gibt kein Hin und Her mit Siegen und Niederlagen. Sondern enge Partien, aber am Ende ein deutliches Playoff-Final-Ergebnis. Nur: Wer gewinnt nun 4:1? Bern oder Zug?


Die Herzen des Schweizer Eishockeyfans fliegen dem EV Zug zu. Sie spielten das aktivere, attraktivere, optisch schönere Eishockey im Halbfinal als der SC Bern. Zudem wurden die Mutzen erst grad Meister... Zug wartet 19 Jahre auf den 2. Titel. Und seit 2007 haben nur die grossen Drei den Schweizer Meistertitel geholt - Zeit für Abwechslung! Und fürs Schweizer Eishockey wäre es gar nicht so schlecht, wenn Zug Meister wird. Denn das gäbe eine Signalwirkung an all jene, die zuletzt den Playoff-Final immer nur am TV verfolgt haben. Zug kann zeigen, dass man auch dann Meister werden kann, wenn man im Halbfinal Davos und im Final Bern vorgesetzt erhält! Und Zug kann beweisen, dass jeder Meister werden kann, der seine Hausaufgaben gemacht hat!

Hausaufgaben? Vor diesem Wort fürchten sich nicht nur mittelmässige Schüler, sondern jahrelang auch Spieler und Funktionäre des EV Zug. Im Umfeld haben die Innerschweizer mittlerweile dafür gesorgt, dass sie ein gut funktionierendes Eishockeyunternehmen mit einem modernen Stadion geworden sind. Die Fortsetzung erfolgte später (endlich!) auch auf dem Eis. Erst verbannte man das Wort "Lottergoalie". Nun steht ein Torhüter zwischen den Pfosten, der das Zeug zum Meistergoalie hat. Und aus einer "Lotterabwehr" wurde eine Verteidigung, an denen sich gegnerische Stürmer die Zähne ausbeissen und den eigenen Goalie entlasten. Nicht ausländischem Verstärkungsspielerm oder wieselflinken Schweizer Stürmern ist es zu verdanken, dass Zug wieder mal in einem Final steht. Den Namen, den ich nennen will lautet: Raphael Diaz. Der Verteidiger, zurück aus der NHL, ist genau jenes Puzzlestück, dass die Zuger noch brauchten. Was soll dem 2. Titelgewinn noch im Weg stehen?


Nun... hier die Antwort: der SC Bern! Ach, was haben die Zuger Pech, dass ausgerechnet die erfahrenen, smarten, mit allen Wassern gewaschenen Mutzen ihnen im Final gegenüber stehen... Ausgerechnet Bern!

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ewiss... wer mit Power-Eishockey den HC Davos in Verlegenheit bringen kann, könnte dies auch beim SC Bern erreichen! Und die Sturmläufe samt Effizienz auf Zuger Seite ist so beeindruckend, dass die gegen Lugano nicht immer sattelfeste Berner Abwehr nicht nur ins Schwitzen kommt, sondern das Eis in regelmässigen Abständen mit hängendem Kopf und einem roten Licht hinter dem eigenen Tor verlassen wird. Hat Bern gegen die Zuger Angriffsmaschinerie Mühe und kann die Verteidigung von Zug nicht aus den Angeln heben, heisst es am Ostersamstag 1:4. Und damit ist nicht das Resultat auf der Anzeigentafel gemeint, sondern der Endstand in der Finalserie!


Somit ist die Favoritenrolle eishockeytechnisch an Zug gefallen. Trotzdem wird diese Rolle nach wie vor Bern untergejubelt. Zu Recht?

Bern ist aktueller Schweizer Meister. Bern ist der Qualifikationssieger. Bern ist die erfolgreichste Schweizer Mannschaft im Playoff-Zeitalter mit 8 Titelgewinnen. Bern verlor erst einen Playoff-Final als Qualifikationssieger (1996 Kloten, das damals das beste Team war und erst ab den Playoffs so richtig an der Meisterschaft teilnahm). Und: Bern ist Bern!

Die ruhmreiche Vergangenheit aber auch die immense Erfahrung des Teams sind beeindruckend und für die Gegnerschaft erdrückend. Die Berner Ausgabe 2016/17 spielt mit den Gegner auf dem Eis nicht Katz und Maus, sie verzücken das Publikum nicht mit Eishockeykunststücken und sind derzeit weit entfernt von Chris McSorleys Lieblingsaussage "Gegen Bern zu spielen ist wie gegen die chinesische Armee zu kämpfen. Immer wenn Du glaubst, es ist überstanden, rollt eine neue Welle heran."

Aber die taktische und emotionale Disziplin, die Kontrolle über das Spiel, die (faire) Kampfbereitschaft, das konsequente (Zer)stören des gegnerischen Spiels machen Bern zwar nicht zu einem ästhetischen Wunsch-Meister, aber zu einem mehr als valablen Meisterkandidaten. Der Berner Optimist sagt sich nun: Jene Löcher, welche die Zuger Angreifer im Halbfinal vorgefunden haben, suchen sie bei den Mutzen vergebens. Und auf die kämpferische Wucht und Schlauheit der SCB-Stürmer haben sich die Zuger in den bisherigen Playoff-Serien nicht einstellen können und müssen erst mal beweisen, dass die Verteidigung nicht nur playoff-tauglich sondern auch eines Meisters würdig ist.


Wie kommt es also heraus? Tanzt Zug weiter, findet die Löcher in der SCB-Abwehr und schickt den Meister ins Land der Final-Tränen? Oder verzweifeln die Zuger an der "Alles-Kontrollieren-wollen-Taktik" des SCB so sehr, dass sie aus dem Rhythmus geraten, Fehler begehen und diese die erfahrenen Meisterspieler des SCB konsequent ausnützen? Die Chancen dazu stehen 50:50.

Ebenso 50:50 sieht es auf der anderen Seite des Eises aus, vor dem Zuger Tor. Denn auch da haben sich grosse Lücken aufgetan, welche von Davos fahrlässig nicht genutzt wurden, aber von den Bernern dankend angenommen werden. Oder aber sind die Berner gar nie in der Lage, jene Löcher zu kreieren, weil sie das hockeytechnische Rüstzeug (Geschwindigkeit und Präzision) nicht haben?

Welche Philosophie setzt sich am Ende durch? Oder passen sich die Zuger den Bernern an und es gibt Kampfeishockey auf Augenhöhe zu sehen, so dass jeder Ästhetik-Fan dieser Sportart in der Spielvorbereitung einen Kotzkübel neben die Polstergruppe stellt? Oder tappt Zug in die Tanz-Falle? Denn wer mit dem Mutzen tanzt... hat selten gute Erfahrungen gemacht! Merke: Gib dem Bären auf dem Eise zu viel freien Raum, erreichst Du den Schweizer Meistertitel kaum...


Mein Tipp: 4:1 oder 1:4... noch habe ich nicht herausgefunden, wie gut denn der SCB wirklich ist! Doch spätestens nach dem zweiten Spiel am Samstag werde ich die Antwort kennen und voraussagen können, in welche Richtung die Final-Serie geht!