Finalreprise - same procedure as last year?


Nun haben wir sie also - die Finalreprise zwischen dem SC Bern und dem HC Lugano im Playoff-Halbfinal. Doch für wen ist diese Situation von Vorteil? Für den Sieger? Oder doch für den Verlierer? Wer hat mehr Druck? Und dies sind nur die theoretischen Fragen zur Situation. Vor dem ersten Halbfinalspiel gibt es unzählige weitere Fragen. Besonders auf Seiten des SCB. Denn die Spielweise der Mutzen im Viertelfinal gegen Biel war nun mal keine Offenbarung, manchmal gaben die Berner Rätsel auf.


Die zwei grossen P's im Eishockey, die eine Meistermannschaft beherrschen sollte, machten besonders Kummer: Passspiel und Powerplay. Wobei im Powerplay dem präzisen Passspiel abermals eine hohe Bedeutung zukommt. Quasi P im Quadrat.

Im Mannschaftssportarten wie Eishockey oder Fussball gibt es eine klare Faustregel: Der Puck / der Ball ist stets schneller als der Spieler. Was heisst: Wer passt und schnell spielt, statt den Ball lange bei sich zu halten, ist im Vorteil. Die gegnerischen Verteidiger und der gegnerische Torhüter haben sich immer wieder auf neue Situation, Konstellationen einzustellen. Sie müssen sich bewegen, verschieben. In jeder Bewegung oder Umstellung der gegnerischen Abwehrreihen liegt ein Fehler-Potenzial, respektive die Möglichkeit, dass ein kleines Loch in der sonst sattelfesten Abwehr entstehen kann. Dann gilt es zuzuschlagen.


Doch was hat der SC Bern in den 5 Partien gegen den EHC Biel gemacht? Nichts... meist wurde der Puck zu lange am Stock gehalten, rasch kamen die ersten gegnerischen Spieler auf einem zu, schlossen Passwege, provozierten Abspielfehler oder provozierten Dribblings, die dann zu Fehlern führten und es folgten gefährliche Gegenangriff. Zu berechenbar waren die Berner im Spiel mit dem Puck, weil die Scheibe zu lang am Stock klebte. Doch warum klebte sie dort?

Möglichkeit 1: Die Berner beherrschen kein Angriffsspiel, das auf Passspiel ausgelegt ist.

Möglichkeit 2: Die Berner sind gedanklich zu langsam, um ein rasches Passspiel zu zelebrieren.

Möglichkeit 3: Die Berner konnten nicht passen, weil die Mitspieler so schlecht positioniert waren, dass ein Halten des Pucks am Stock die weniger hohe Fehlerquote ergab und so noch mehr gefährliche Gegenangriffe verhindert werden konnten.

Möglichkeit 4: Die Berner waren zu wenig motiviert, gegen diesen Gegner, in so einem frühen Stadium der Playoffs, bereits geniale Pässe in die Tiefe, auf einen freien Mann zu spielen.

Möglichkeit 5: Die Berner waren durch die Situation, Quali-Sieger zu sein und als Schweizer Meister gegen den Quali-Achten zu spielen, so sehr unter Druck, dass eine mentale Blockade entstand, die jeden Spielfluss und Freude am Spielen hemmte.

Klingt alles sehr negativ, wenig meisterlich und schon gar nicht verheissungsvoll in Richtung Halbfinal-Duell mit Lugano. In einem Satz kann man die düstere Prognose gleich mal beim Namen nennen: Schafft es der SC Bern nicht, Eishockey zu spielen, insbesondere das Passspiel, scheidet der Schweizer Meister im Playoff-Halbfinal sang- und klanglos aus.


Doch wir Berner, pardon, wir Puck-Fans-Berner, sind ja Optimisten. Deshalb die Mut-Macher vor dem Halbfinal:

Bei den Möglichkeiten 1 bis 3 kann auch die starke Defensivarbeit der Bieler, die viel Druck auf den scheibenführenden Spieler ausübten und die Räume geschickt eng machten, ein wichtiger Faktor sein, weshalb es 5 Spiele lang so ausgesehen hat, wie wenn der SC Bern in den letzten 8 Monaten keine Sekunde lang das Passspiel im Training geübt hat. Die Bieler verrichteten 5 Spiele lang das klassische Underdog-Spiel sehr gut. Eine andere Spielweise geht einfach nicht - wer mit dem Bären tanzt, verliert. Nun kommen aber andere Gegner. Zunächst Lugano, im Idealfall eine Runde später Davos oder Zug. Keines dieser Teams wird eine Underdog-Taktik anwenden. Alle drei Gegner wissen, dass sie über genügend spielerische und kämpferische Qualitäten verfügen, um den Schweizer Meister in die Knie zu zwingen.

Schlussfolgerung: Es gibt leicht mehr Platz und ein bisschen mehr Zeit für den entscheidenden Pass. Gegen Lugano wird man einen anderen SCB am Werk sehen, weil ein anderer Gegner auf dem Eis steht. Sicher qualitativ einige Längen besser als Biel. Aber genau diese Matchsituation auf Augenhöhe wird den Mutzen mehr liegen.

Ist die Möglichkeit 4 der wahre Grund, ist grosses Kopfschütteln an die Adresse der SCB-Spieler angebracht. Kollektive Unlust... das darf einfach nicht passieren! Und doch... im Unterbewusstsein nistet sich der Name Biel halt als "Warm-up" ein, bevor die Playoffs so richtig los gehen. Bewusst wird das kein Spieler gemacht haben. Aber tief im Inneren hat sich die Mehrheit der Spieler auf "Schongang im Viertelfinal" eingestellt und fand den Hebel zu "Full Power" nicht wirklich. Das Problem erledigt sich von selber... jetzt heissts "Lugano". Bei jedem Schweizer Eishockeyspieler ist dieses Wort gleichbedeutend mit "Full Power"...

Ich tendiere aber am meisten zu Möglichkeit 5. Der Druck war sehr einseitig verteilt, die Erwartungshaltung so hoch, dass sie die gesamte Höhe des Eisstadions Allmend eingenommen hat. Mit der Anspannung versprangen die Pucks, Pässe wurden unpräzis abgegeben und die Annahme der Scheibe missriet zu oft. Nun ist der Druck besser verteilt. Lugano, später Davos oder Zug, verspüren ebenfalls selbst auferlegten Druck, jenen der Fans aber auch die eigene Erwartungshaltung ist hoch. Der SC Bern wird sich auf die neue Situation einstellen können, plötzlich geht vieles leichter, weil man nicht die einzigen auf dem Eis sind, die gewinnen sollten.


So viel zum überschäumenden Optimismus. Klingt alles sehr easy, locker, das Schwerste liegt hinter uns. Falsch. Es wird hart gegen Lugano. Der SCB muss nun sein bestes Eishockey zeigen. Technisch und Kämpferisch. Schönspielen führt ebenso zum Ausscheiden wie ausschliesslich auf Zweikampfstärke zu setzen. Beide Komponenten sind entscheidend. Dazu noch jener Hauch Cleverness, der die SCB-Spieler in diesem Eishockeystadion umgibt und für sich gewinnt. 12 der 14 Meistertitel, davon acht 8 im Playoff-Zeitalter, sprechen Bände. Bern weiss, wie man clever und effizient spielt und Meister wird. Nun liegt es an den Spielern, alles daran zu setzen, dass erstmals seit 2001 der Meistertitel im Schweizer Eishockey verteidigt wird.

Und wer glaubt, dass das schnelle (Pass-) Spiel, zu dem auch der Direktschuss zählt, nur Unfug ist, den will ich an dieser Stelle gerne belehren:

Spiel 5 Bern - Biel. Es steht 1:1. Wieder mal ein Angriff der Berner, der verheissungsvoll beginnt, aber irgendwie harzt es doch schon wieder. Doch dann 2 schnelle Pässe, es folgt der Direktschuss Ramon Untersanders zum wegweisenden 2:1.

Viele so genannte Experten haben sich darauf eingeschossen, bei diesem Tor dem Bieler Goalie Jonas Hiller die Schuld zu geben. Gewiss, es gab Torhüter, die so einen Schuss gehalten haben. Doch warum ging der Schuss rein? Weil sich Hiller bewegen musste. Weil er keine Zeit hatte, sich in Ruhe auf den Schuss vorzubereiten, wie er es schon oft tun durfte und deshalb den Puck jeweils behändigte. Das ausnahmsweise direkte Passspiel des SCB und endlich endlich endlich endlich endlich mal ein Direktschuss des Verteidigers Untersander haben erst die gute Chance auf einen Torerfolg ermöglicht. Dass der Puck dann noch rein geht, ist eine andere Geschichte. Doch Fakt ist: Wer zaudert, schiesst keine Tore. Entschlossenheit führt zum Ziel. Nicht immer. Aber irgendwann wird der gegnerische Torhüter halt den Sekundenbruchteil zu spät reagieren. Und dafür muss der SCB gegen Lugano vermehrt sorgen. Dem Puck eine faire Chance geben, die Torlinie zu passieren. Mit Power, Geschwindigkeit und bisweilen mit grosser Schlitzohrigkeit. Keine Verzweiflungsschüsse, keine Alibi-Schüsse wenn man den Puck bereits 5 Sekunden auf der Schaufel hat und der Goalie den besten Stehplatz des Stadions hat, um die Szenerie zu beobachten und am Ende noch beklatscht wird, weil er den Puck in seiner Fanghand verschwinden liess. Schnelles Passspiel und Direktschüsse sind der Schlüssel zum Erfolg!


Zu guter Letzt folgt das Thema "Final-Reprise". Wie häufig kam es im Schweizer Eishockey vor, dass sich die Vorjahresfinalisten erneut in den Playoffs begegneten? Nun: 9 Mal. Wir feiern 2017 quasi Jubiläum mit dem 10. Mal.

Die Bilanz: 6 Mal gewann der Schweizer Meister die Reprise, 3 Mal konnte die unterlegene Mannschaft des Vorjahrs erfolgreich Revanche nehmen.

Pikant: Lugano ist DIE Final-Reprise-Mannschaft der Schweiz. In 7 der 9 bisherigen Reprisen war Lugano involviert. Rekordverdächtig. Und ab diesem Jahr heisst es: 8 von 10 mit Lugano-Beteiligung.

Doch die Bilanz der Bianconeri ist negativ: 3:4.

Gingen sie als Verlierer des Vorjahres in die Reprise, also wie dieses Jahr, lautet das Ergebnis 1:3.

Und der SC Bern? Bei 3 Reprisen lautet die Bilanz 2:1.

Als Meister lautet das Ergebnis 1:1.

Zwischen Bern und Lugano kam es bisher zu 3 Final-Reprisen: 1990 glückte Lugano im Endspiel die Revanche für die Finalniederlage 1989, 1991 glückte Bern im Endspiel die Revanche für die Finalniederlage 1990. Und da war noch das Jahr 2005... jenes Jahr, als erstmals ein Quali-Achter den Quali-Sieger in den Viertelfinals nach Hause schickte. Bern war Achter und Titelverteidiger, bezwang Lugano mit 4:1.

Und noch was: Erst 2 Mal kam es in Halbfinals zu Final-Reprisen. Beide Male setzte sich der Meister des Vorjahrs durch...

Vorteil SCB also? Nein! Ich sehe keinen Vorteil aus diesen Zahlenspielereien. Höchstens eine beunruhigende Tendenz aus Lugano-Sicht.



Und wie gehen nun die Playoff-Halbfinal-Serien aus?

Ich bin überzeugt, dass das Passspiel der Berner ansehnlicher wird, mehr schöne Spielzüge zu sehen sein werden, die dann auch zu Torerfolgen führen. Aber die Räume werden sehr eng sein. Kommt das Passspiel auf beiden Seiten zum erliegen, ist die Folge ein unansehnliches Eishockey-Hick-Hack-Holzfäller-Spiel. Doch genau hier, im allgemeinen Kampf-Krampf der bei Eishockey-Ästheten zu Würg-Reflexen führt, sehe ich den Vorteil auf Berner Seite. 4:2 für den SCB!

Zug - Davos ist ebenfalls eine sehr interessante Affiche. Jeder Ausgang scheint möglich. Vor der Saison hätte ich gesagt, dass Geheimfavorit Zug das Rennen macht. Doch nun hat bei mir Davos die Rolle des Geheimfavoriten eingenommen. Deshalb: 4:2 für den HCD!